Ausgabe 3

10. Apr 2020 | Frenslichs humorvolle Wochenschau

Liebe Freunde!

Anlässlich des Osterfestes backen wir diesmal einen feinen Kuchen!
Ich finde, wir Österreicher schaffen das ganz gut miteinander!

Österreichischer Krisenguglhupf

Zutaten:
100% der Bevölkerung unseres Landes (70% Ja-Sager und 30% Kritische)
5 gehäufte Esslöffel Angst
1 Prise Infektionsstatistik
1 Härtefallfond
Beliebig viele süße Schutzmasken zum Garnieren
Den Krisenherd auf mittlere Stufe drehen.
Backzeit: mehrere Monate

Tipp:
Der Koch nehme sich 3-4 gelehrige Küchenjungen zu Hilfe, dann wird der Kuchen leichter gelingen!
Am besten eignen sich dafür:
1 Gesundheitsminister, 1 Finanzminister, 1 Innenminister, 1 Wirtschaftskammerpräsident

Zubereitung:
Rechtzeitig beginnen. Der Koch gebe vorerst 70% der Bevölkerung (die Ja-Sager) in eine große Schüssel und rühre 5 gehäufte EL Angst darunter. Gründlich mixen, damit die Angst sich auch gut in der Bevölkerung verteilt. Als Auslöser für Angst eignet sich ein eingeschlepptes Virus besonders gut, da es für das gemeine Volk nicht greifbar ist und leider auch sehr gefährlich. Die Angst vor dem Ungewissen ist die schmackhafteste. Nun wird die Masse gut formbar und ein feiner Koch kann damit im Grunde anstellen, was er will.
Sein erster Küchenjunge, der Gesundheitsminister, schmeckt die Angst noch mit einer Prise Infektionsstatistik ab, die er zuvor in einem kleinen Reindl leicht anfeuert („anschobert“).
Den Krisenherd jetzt weiter vorheizen und die restlichen 30% der Bevölkerung in die Schüssel druntermischen. Diese, die sogenannten Kritischen, sind eigentlich sehr schwierig zu verarbeiten, da sich sowohl Gegner als auch Zweifler als auch  Hinterfrager darunter befinden. Durch die Prise Infektionsstatistik jedoch verbinden sich die Kritischen schon viel besser mit der großen, ängstlichen Masse zu einem sehr homogenen Teig.
Währenddessen kann der zweite Küchenjunge, der Finanzminister, den Härtefallfond zubereiten.
Zu diesem Behufe greift er tief in die Töpfe der Steuermittel, der Sozialabgaben, der Innungen und Kammern, und halt nach allen Rücklagen und Finanzierungen, die er im Gewürzregal noch findet.
Steuermittel, Sozialabgaben, Rücklagen,… alles in eine große Pfanne mit Deckel geben (Deckelung sehr wichtig!),  etwas köcheln lassen, sodass die Anteile für die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems und für die Polizei frei werden. Dann den reduzierten Fond lautstark unter die homogene Masse heben, sodass auch ein Großteil der Masse davon etwas mitbekommt. Wenn der Finanzminister diese gefühlvolle Arbeit des Drunterhebens nicht selbst machen will, übergibt er sie einfach dem WK-Präsidenten. Soll der es doch mal mit dem Schneebesen versuchen.
Nun die fertig abgeschmeckte, homogene Masse in eine schöne Guglhupfform aus Großmutters Zeiten füllen. Großmütter und ihre Formen sind heutzutage besonders schützenswert!
Die Guglhupfform sollte jedenfalls eine restriktive Form sein. Der überzeugte Teig bleibt dann auch sicher darin, die demokratische Masse fühlt  sich gleichsam geschützt in einer solchen Form.
(Hinweis: eine gute Auswahl von  restriktiven bis eher diktatorischen Formen gibt es im gut sortierten Küchenwarenhandel. Derartige Formen erkennt man daran, dass sie mit Einschränkungen und strengen Verordnungen versehen sind.)
Den Krisenherd auf stärkere Stufe stellen, den Guglhupf mit der gesamten Bevölkerung in den Krisenherd schieben.
Jeden Tag mit einer spitzen Nadel prüfen, wie sich die Bevölkerungsmasse entwickelt. Immer darauf  achten, dass nur wenige Kritische an der Nadel kleben bleiben. Diese Aufgabe überträgt der Koch weitgehend seinem dritten Küchenjungen, dem Innenminister. Dieser regelt mittels seiner Polizisten auch die Ober- und Unterhitze im Krisenherd. Wenn die Luft im Herd zu dick wird, öffnet er leicht die Klappe.
Zwischendurch nimmt der Koch kurz (wirklich nur kurz) den Guglhupf aus dem Krisenherd, stellt ihn auf den Rotkreuz-Tisch und garniert ihn mit einer beliebigen Menge süßer Schutzmasken. Der Innenminister prüft mit Sorgfalt die Anbringung der Garnitur, und schiebt den Österreichischen Krisenguglhupf anschließend wieder in den heißen Herd zurück.
Dieses Spiel des Kochs und seiner Küchenjungen mit der Bevölkerung kann über Monate dauern.
Wichtig: Immer auf die richtige Temperatur achten!
Wenn es im Krisenherd zu heiß wird, kann eine restriktive Form leicht springen. Dann muss der Innenminister unverzüglich wieder die Klappe aufmachen, der Koch und alle anderen Küchenjungen helfen mit und überbrücken gemeinsam beispielsweise den Datenschutzschalter, um die demokratische Masse zusammenzuhalten.
Über die gesamte Backzeit achtet vor allem der erste Küchenjunge, der Gesundheitsminister, auf die Marmorierung der Masse, die Balance im Gesundheitssystem.
Zweimal pro Woche nimmt er einen ordentlichen Pinsel (den sogenannten  Virologen) und streicht den Guglhupf mit etwas Angst und Infektionsstatistik ein, sodass selbiger schön aufgeht, aber nicht zuviel, sonst quillt der Guglhupf aus seiner Form.
Risiko beim langsamen Herausbacken: Vermehrt könnten sich bei einem zu langen Backvorgang viele psychische Teigverknotungen (Klumpen) in der Masse bilden. Diese würden den Geschmack des Guglhupfs nachhaltig, also über viele Jahre, beeinträchtigen.
Erst wenn das Virus aus dem Guglhupf verdampft ist, kann er aus dem Rohr genommen werden,  langsam abkühlen und sein wirtschaftliches Aroma neu entfalten.

Aus der Sicht der demokratischen Teigmasse, der Bevölkerung, ist es besonders wichtig, dass es immer genug Kritische gibt, die an der spitzen Nadel des Kochs kleben bleiben.
Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Guglhupf verbrennt, also die Demokratie selbst diktatorische Züge annimmt.

Ich hoffe, dass wir alle gemeinsam einen guten Kuchen backen, und bin schon gespannt, wie er sich in den nächsten Wochen entwickelt!
Frohes Osterfest!

Christian Frenslich

p.s.:
Irrtümlich wird der Guglhupf oft auch Googlehupf genannt, da wird dann auch sehr viel Unfug unter die Zutaten gemengt.
Zum Beispiel Tiroler Eier, diese sind aber von vornherein gar nicht notwendig, die Eier könnten durchaus auch aus jedem anderen Bundesland kommen. Tirol hat scheinbar einfach Pech, dass manchmal faule Eier drunter sind.